
Petri!
Ich bin Hugo. Ich bin ein Hecht. Ich wohne im Silbersee in Leipzig.
Ich bin ungefähr einen Meter lang. Ich habe über 700 Zähne. Und ich bin der älteste Fisch in diesem See.
Nach meinem Alter fragst du besser nicht. Ein Hecht verrät sowas nicht.
Ich kenne hier jeden Stein. Ich kenne jeden Ast im Wasser. Ich kenne jede gute Stelle am Ufer. Und ab jetzt erzähle ich dir davon.
Denn das hier ist mein Magazin.
Für die erste Ausgabe habe ich mir etwas Besonderes überlegt. Ich erzähle dir die größte Geschichte vom Silbersee. Ich war dabei. Ich habe alles gesehen.
Es ist die Geschichte von dem Tag, an dem mein See verschwand.
Der Name kommt von der Sonne
Vorher musst du eine Sache wissen.
Mein See hat zwei Namen. Auf den Karten steht „Stapelbecken Lößnig“. Das klingt nach Hausaufgaben. Alle Leipziger sagen aber „Silbersee“.
Der Name kommt von der Sonne. Ganz früh am Morgen ist das Wasser noch glatt wie ein Spiegel. Dann kommen die ersten Sonnenstrahlen. Und auf einmal glitzert der ganze See wie pures Silber. Die Leute standen am Ufer und staunten. Silbersee, sagten sie. Und so heißt er bis heute.
Von unten sieht das noch schöner aus. Glaub mir. Ich habe den besten Platz.
Merk dir dieses Glitzern. Es kommt in der Geschichte noch mal vor.

Das Wasser wird weniger
Es begann an einem ganz normalen Tag.
Ich lag an meiner Stelle unter dem Ast. Da lag ich schon immer. Aber irgendwas war anders. Der Ast hing tiefer als sonst. Nein. Falsch. Der Ast hing gleich. Das Wasser stand tiefer.
Am nächsten Tag fehlte noch mehr Wasser. Und am Tag danach noch mehr.
Die Zwergwelse redeten wilde Sachen. Zwergwelse reden immer wilde Sachen. Aber diesmal hörten alle zu.
„Der See hat ein Loch“, sagten sie.
Frieda Forella kam zu mir. Frieda ist meine beste Freundin. Sie ist schnell, sie ist frech und sie hat vor fast nichts Angst.
An diesem Tag hatte sie Angst.
„Hugo“, sagte sie. „Was machen wir?“
Ich bin der älteste Fisch im See. Alle dachten, ich habe eine Antwort.
Ich hatte keine.

Alle in die tiefe Ecke
Wir Fische taten das Einzige, was wir tun konnten. Wir schwammen in die tiefste Ecke. Die liegt im Westen. Da geht es drei Meter runter.
Dort drängten wir uns zusammen. Karpfen neben Barsch. Schleie neben Plötze. Sogar der Zander und ich lagen Flosse an Flosse. Und glaub mir, der Zander und ich sind keine Freunde.
Das Wasser wurde trotzdem immer weniger. Bald konnte ich die Oberfläche fast mit der Rückenflosse berühren. Ich. Ein Hecht von einem Meter.
Und dann hörten wir es.
Stiefel. Viele Stiefel. Stimmen am Ufer. Wir Fische spüren jeden Schritt am Boden. An diesem Morgen bebte das ganze Ufer.
Die Menschen kamen. Mit Keschern. Mit großen Netzen. Mit Wannen voller Wasser.
„Sie holen uns“, flüsterte Frieda.
Ich sagte den tapfersten Satz meines Lebens: „Bleib hinter mir.“
Dann war Frieda auch schon weg. Ein Kescher hatte sie erwischt.

Der Kescher
Ich habe gekämpft. Das kannst du mir glauben.
Ich bin einem Netz ausgewichen. Ich bin unter einem Kescher durchgetaucht. Ich habe einem Mann Wasser ins Gesicht gespritzt. Der hat gelacht. Das fand ich frech.
Aber der See war zu leer. Es gab kein Tief mehr. Es gab kein Versteck mehr. Ein Hecht ohne Versteck ist nur noch ein großer Fisch in einer kleinen Pfütze.
Dann hatte mich der Kescher.
Ich flog durch die Luft. Ich landete in einer Wanne. Und in der Wanne war Wasser. Frisches, kühles Wasser.
Da begriff ich es zum ersten Mal.
Diese Menschen wollten uns nicht holen. Diese Menschen wollten uns retten.
Der See musste nämlich repariert werden. Dafür musste das ganze Wasser raus. Ein See ohne Wasser ist für Fische das Ende. Also haben die Menschen uns vorher herausgeholt. Jeden einzelnen Fisch. Sogar die kleinste Plötze. Sogar den frechsten Zwergwels.
So etwas nennt man Abfischen. Und die Menschen mit den Keschern kamen aus dem Fischereiverein Leipzig-Lößnig. Das sind die Angler von meinem See.
In der Wanne neben mir blubberte es. „Na endlich“, sagte Frieda. „Wo bleibst du denn?“
Die Zeit in der Fremde
Wir kamen in ein anderes Gewässer. Da war es in Ordnung. Da war Wasser, da war Futter, da waren Verstecke.
Aber es war nicht mein See.
Die Steine lagen falsch. Die Äste rochen fremd. Die Fische dort erzählten langweilige Geschichten. Und morgens glitzerte das Wasser nicht silbern. Es glitzerte einfach nur normal.
Ich lag viel herum und war schlecht gelaunt. Frieda nannte mich Meckerhecht. Das war leider ziemlich treffend.
Die Zwergwelse machten ein Spiel daraus. Jeden Abend fragten sie: „Hugo, erzähl vom Silbersee!“ Und ich erzählte. Vom Schilf. Von meinem Ast. Vom silbernen Glitzern am Morgen.
So haben wir gewartet. Einen ganzen Winter lang.

Die Heimkehr
Dann kam der Tag.
Wieder Wannen. Wieder eine Fahrt. Wieder flog ich durch die Luft.
Ich landete in kaltem, frischem Wasser. Ich schlug mit der Schwanzflosse. Ich schoss nach vorn. Und da lag ein Stein. Ein ganz bestimmter Stein. Ich kannte diesen Stein.
Ich war zu Hause.
Der See war repariert. Das Wasser war zurück. Und die Angler vom Verein brachten uns alle wieder heim. Wanne für Wanne. Fisch für Fisch.
Am nächsten Morgen bin ich früh aufgewacht. Ich bin ganz nach oben geschwommen. Die Sonne kam gerade über die Bäume.
Und dann glitzerte alles silbern.
Ich sage dir ganz ehrlich: Ein Hecht weint nicht. Aber an dem Morgen war ich nah dran.

Warum ich dir das erzähle
Seit diesem Tag weiß ich etwas ganz sicher.
Ein See braucht Menschen. Aber nicht irgendwelche. Er braucht Menschen wie die vom Fischereiverein.
Die kommen nämlich immer noch. Mehrmals im Jahr stehen sie mit Gummistiefeln am Ufer. Sie sammeln Müll ein. Sie schneiden Äste. Sie pflegen mein Zuhause. Das nennt sich Arbeitseinsatz.
Und seit einiger Zeit bringen sie jemanden mit. Kinder.
Zuerst war ich misstrauisch. Kinder sind laut. Kinder stampfen. Aber diese Kinder waren leise. Jemand hatte ihnen das beigebracht. Jemand hatte ihnen auch gezeigt, wie man einen Knoten bindet. Und wie man einen Fisch mit nassen Händen anfasst.
Diese Kinder sind die Jugendgruppe vom Verein.
Vielleicht bist du bald eins von ihnen.

Was dich in meinem Magazin erwartet
Ich bin jetzt Reporter. Der einzige Reporter mit Flossen in ganz Leipzig.
Jeden Monat gibt es hier etwas Neues:
Wissen
Alles über uns Fische. Wer frisst was? Warum ist ein Barsch gestreift? Ich weiß das. Ich wohne hier.
Basteln und Knoten
Ein schlechter Knoten geht auf. Dann ist der Fisch weg. Ich zeige dir die guten Knoten.
Draußen
Das echte Leben am Wasser. Gute Plätze, Wetter, Ausrüstung. Und alles über Frösche, Libellen und Vögel am See.
Rätsel
Am Ende von jedem Beitrag kommt eine Frage von mir. Die Auflösung gibt es beim nächsten Mal.
Fit für die Prüfung
Irgendwann machst du den Fischereischein. Ich übe die Fragen mit dir. Ich habe das ganze Regelbuch gelesen. Für einen Hecht war das viel Buch.

Komm an meinen See
Wir haben regelmäßig Schnupperangeln am Silbersee.
Du musst nichts können. Du musst nichts mitbringen. Du kommst einfach vorbei.
Frag deine Eltern. Sie sollen André eine Mail schreiben. André ist der Jugendwart vom Verein. Er beantwortet jede Frage.
Und dann sehen wir uns.
Ich liege da irgendwo unter meinem Ast. Ganz still. Ich sehe dich zuerst.
Petri!
Euer Hugo

