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Hugos Fisch des Monats – Der Aal

Hecht Hugo Von Hecht Hugo 7 Minuten Lesezeit

Der Aal ist der Fisch mit der verrücktesten Geschichte im ganzen Silbersee. Er wurde 5.000 Kilometer von hier geboren, mitten im Atlantik, und ist als winziges durchsichtiges Ding nach Europa geschwommen. Heute steht er auf der Roten Liste und gilt als vom Aussterben bedroht. Trotzdem lebt er bei uns im See. Wie er da hingekommen ist, verrät dir Hugo weiter unten, und die Antwort hat mit uns Anglern zu tun.

Fischabbildungen sind KI Generiert und geprüft

Fisch der Woche

Der Aal

Anguilla anguilla

Moin, Hugo hier. Vor dem Aal ziehe ich meine Rückenflosse. Ich bin im Silbersee geboren und werde hier sterben, das war’s. Der Aal dagegen kam als Baby aus einem Meer bei den Bahamas angeschwommen. Drei Jahre lang. Dann wurde er von den Menschen in unseren See besetzt. Irgendwann packt ihn das Fernweh und er will die ganze Strecke zurück. Das Verrückte ist, von unserem See aus kann er das sogar. Warum das nicht selbstverständlich ist, erkläre ich dir unter dem Steckbrief.

Steckbrief
So großWeibchen bis 1,50 m, Männchen nur 60 cm
So schwerbis 6 kg
Zuhausegeboren im Atlantik, aufgewachsen bei uns
LeibspeiseWürmer, Krebse, Insektenlarven & Fische
Mindestmaß50 cm
Schonzeitkeine
Fit für die Prüfung

Aufgepasst, kleine Angler! Aalblut ist giftig. Es darf nicht in deine Augen oder in eine Wunde kommen. Beim Kochen und Räuchern wird das Gift zerstört, roh ist es gefährlich.

Daran erkennst du den Aal:

  • Schlangenform mit rundem Körper. Kein anderer Fisch bei uns sieht so aus
  • Ein durchgehender Flossensaum vom Rücken um den Schwanz herum bis zum Bauch
  • Oberständiges Maul. Sein Unterkiefer steht ein Stück vor
  • Er hat doch Schuppen! Winzige runde, tief in der dicken Haut versteckt
  • Gelb oder silber. Junge Aale heißen Gelbaal, reisefertige heißen Blankaal und haben riesige Augen
Hugos PrüfungsfrageWelches Mindestmaß und welche Schonzeit hat der Aal in Sachsen?
  • 50 cm, geschont vom 1. Oktober bis 30. April
  • 50 cm und gar keine Schonzeit
  • 40 cm, dafür ist er ganzjährig geschont
Lösung anzeigen

Richtig ist B! Und ja, das klingt komisch. Ein Fisch, der vom Aussterben bedroht ist, hat bei uns keine einzige Schonzeit. Dafür wurde sein Mindestmaß in Sachsen extra von 40 auf 50 cm hochgesetzt, damit er mehr Zeit zum Wachsen bekommt. Warum das trotzdem nicht reicht, liest du unter dem Steckbrief.

Hugo-WissenIn meinem Silbersee ist ein Ablauf, dort kann er einfach wieder verschwinden. Wenn das nicht reicht: Er läuft über Wiesen. Der Aal kann Sauerstoff durch seine Haut aufnehmen. Deshalb schlängelt er sich nachts bei Regen einfach über nasses Gras von einem Gewässer ins nächste damit er ins Meer zurück kommt.

Sein Geruchssinn ist so fein, dass er einzelne Duftmoleküle riecht.

Und niemand weiß, wie er Babys macht. Kein Mensch hat jemals gesehen, wie sich Aale in freier Natur paaren. Kein einziges Mal. Der Grieche Aristoteles war sich vor über 2.000 Jahren sicher, dass Aale einfach so aus Schlamm entstehen oder von Regenwürmern geboren werden. Ganz so falsch lag er gefühlt gar nicht, denn richtig gelöst ist das Rätsel bis heute nicht.

Wo der Aal herkommt, glaubst du mir nicht

Weit weg im Atlantik gibt es ein Stück Meer, das heißt Sargassosee. Das liegt in der Nähe der Bahamas. Von hier aus sind das 5.000 Kilometer. So weit, als würdest du von Leipzig bis nach Afrika laufen. Und noch ein Stück weiter.

Genau dort wird jeder einzelne Aal geboren. Auch die, die bei mir im Silbersee wohnen.

Als Baby sieht er noch gar nicht aus wie ein Aal. Er sieht aus wie ein durchsichtiges Blatt. Man kann glatt durch ihn durchgucken. Und dieses kleine Blättchen schwimmt los. Nach Europa. Drei Jahre lang.

Weidenblattlarve des Aals, durchsichtig und flach wie ein Blatt
Das soll mal ein Aal werden? Ehrlich?

Drei Jahre! Ich habe in drei Jahren nicht mal die Hälfte vom Silbersee abgesucht.

Kurz vor Europa verwandelt er sich. Aus dem Blättchen wird ein kleiner Aal, so lang wie dein Finger. Er ist immer noch durchsichtig, deshalb heißt er jetzt Glasaal.

Im Frühling schwimmen Tausende davon die Flüsse hoch. Dabei werden sie gelb. Und dann heißen sie Gelbaal.

Dann baut er seinen Bauch um

Jetzt frisst der Aal sich die nächsten Jahre den Bauch voll. Ein Aalweibchen braucht 12 bis 15 Jahre, bis es erwachsen ist. So lange bist du wahrscheinlich noch nicht mal auf der Welt.

Und dann passiert das Verrückteste an der ganzen Geschichte.

Der Aal wird silbern. Seine Augen werden riesig, weil er gleich ganz tief tauchen muss. Und dann baut er seinen Magen ab. Einfach so. Weg damit. Er kann ab jetzt nie wieder etwas essen.

ergleich Gelbaal und Blankaal, der Blankaal hat einen silbernen Bauch und deutlich größere Augen
Oben der Gelbaal, unten der Blankaal. Guck dir mal die Augen an. Der macht sich fertig für die Tiefsee.

Warum macht er das? Weil er den Platz braucht. Für seine Eier.

Jetzt heißt er Blankaal, und jetzt geht die Reise los. 5.000 Kilometer zurück zur Sargassosee. Ein ganzes Jahr lang. Ohne einen einzigen Happen. Tagsüber taucht er einen Kilometer tief ins dunkle Wasser, nachts kommt er wieder hoch.

Ganz am Ende legt er seine Eier ab. Und dann stirbt er. Ein Aal macht das nur ein einziges Mal im Leben. Das vermuten zumindest Wissenschaftler heutzutage. So genau hat das aber noch niemand gesehen.

Ich sag’s ja. Vor dem Kerl ziehe ich meine Rückenflosse.

Lebenszyklus des Aals in vier Stadien: Weidenblattlarve, Glasaal, Gelbaal und Blankaal mit Altersangaben
Vier Leben in einem Fisch. Und am Ende geht alles wieder von vorn los.

Es gibt fast keine Aale mehr


Und jetzt kommt der traurige Teil.

Früher waren Aale überall. Heute sind von 100 Aalen nur noch 2 übrig. Die anderen 98 sind weg. Das ist keine Übertreibung, das haben Forscher ausgerechnet.

Grafik mit 100 Aalen, von denen nur zwei farbig sind, zeigt den Rückgang des Aalbestands um 98 Prozent
Zähl die grünen. Mehr sind nicht mehr da

Deshalb steht der Aal auf der Roten Liste. Das ist eine Liste von Tieren, denen es schlecht geht. Und der Aal steht ganz oben drauf, bei den Tieren, die bald aussterben könnten. Manche Forscher sagen sogar, in 20 oder 30 Jahren gibt es bei uns gar keine Aale mehr.

Woran liegt das? An ganz vielem auf einmal.

In den Flüssen stehen überall Mauern, an denen er nicht vorbeikommt. In Kraftwerken drehen sich große Schaufeln im Wasser, und die erwischen ihn, weil er einfach der Strömung hinterherschwimmt. Gift aus dem Wasser sammelt sich in seinem Fett und landet später in seinen Eiern. Und weil kleine Glasaale sehr viel Geld wert sind, fangen Verbrecher sie und verkaufen sie heimlich bis nach Asien.

Wehr im Fluss als Wanderhindernis für den Aal
Und da soll er drüber. Mit leerem Magen

Und jetzt sag ich dir was Ehrliches

Kein einziger Aal in meinem See ist hier geboren. Kein einziger.

Aale können bei uns nämlich keine Babys machen. Das geht nur in der Sargassosee, nirgendwo sonst. Und züchten kann man sie auch nicht. Die Menschen versuchen das seit über hundert Jahren. Es klappt einfach nicht.

Also müssen die Aale hergebracht werden. Von Hand. Man fängt sie als winzige Glasaale in Frankreich am Meer, fährt sie im Auto quer durch Europa und kippt sie hier ins Wasser. Das nennt man Besatz.

Und weißt du, wer das macht? Die Angler. Deine Leute.

Jeder Angler zahlt Geld dafür, dass er angeln darf. Von diesem Geld werden die kleinen Aale gekauft. Und dann stehen an einem Samstagmorgen Leute aus dem Verein am Ufer, mit Eimern voller Aalbabys, und lassen sie ins Wasser. Ohne die wäre hier kein einziger Aal.

Deshalb hat unser See ein Loch

Aber die Angler dürfen nicht überall Aale einsetzen. Ein See muss vorher etwas können.

Er braucht einen Ablauf. Eine Stelle, wo das Wasser rausfließt. Eine Tür nach draußen sozusagen.

Warum? Stell dir vor, ein Aal wohnt in einem Teich ohne Ausgang. Irgendwann wird er silbern, seine Augen werden groß, er will los. Und dann kommt er nicht raus. Er wartet. Und wartet. So ein Aal wird dabei 50 Jahre alt. Manche 80. Ein paar sogar über hundert. Und legt in seinem ganzen langen Leben kein einziges Ei.

Findest du das nicht schrecklich? Ich schon.

Hugos Geheimnis

Unser Silbersee hat einen Ablauf. Wenn meine Aale hier eines Herbstes das Fernweh kriegen, steht ihnen die Tür offen. Dann geht es raus aus dem See, durch die Bäche und Flüsse, immer weiter, bis ins Meer.

Schafft er es bis zur Sargassosee?

Ehrlich? Das weiß keiner.

Die Tür ist offen, aber der Weg ist gemein. Bis zum Meer warten die Mauern und die Kraftwerke, von denen ich dir erzählt habe.

Aber offen ist besser als zu. Immer.

Und vielleicht schwimmt ja genau jetzt, während du das hier liest, irgendwo mitten im Atlantik ein Aal, der bei mir im Silbersee groß geworden ist. Vielleicht bin ich sogar mal an ihm vorbeigeschwommen. Wissen tue ich es nicht. Aber möglich ist es. Und das kann längst nicht jeder See von sich behaupten.

Machen die Angler das denn richtig?

Da streiten sich die Erwachsenen. Und zwar richtig.

Die einen sagen: Hört auf damit. Wenn ihr die Aalbabys in Frankreich aus dem Meer fischt, sterben dabei welche. Und die, die ihr wegnehmt, fehlen dann woanders. Lasst die Aale einfach in Ruhe.

Die anderen sagen: Ohne uns wäre gar kein Aal mehr da. Die Kleinen schaffen es doch sowieso nicht mehr die Flüsse hoch, weil überall Mauern stehen. Also bringen wir sie eben hin.

Und wer hat recht?

Die klügsten Leute, die das untersuchen, sagen ganz offen: Wir wissen es nicht. Es gibt keinen Beweis dafür und keinen dagegen.

Ich bin ein Hecht, ich mach mir da keinen Kopf. Aber du darfst das ruhig komisch finden. Ich finde es auch komisch. Trotzdem weißt du jetzt, wie der Aal in unseren See gekommen ist und warum er hier überhaupt sein darf. Und das wissen die meisten Erwachsenen nicht mal.

Petri Heil, dein Hugo.

Hecht Hugo winkt einem abwandernden Blankaal am See hinterher
Mach’s gut, Kumpel. Und grüß die Salzwasserfische von mir.